Die verblühte Republik

 

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Hörbuch
6 Std. 54 Min.


11,25 €

 



Eine Gehirnwindung weniger und du gehst auf allen Vieren. Was früher eine flotte Beleidigung war, klingt heute wie eine wissenschaftliche Prognose. Wie aber sieht diese Verblödung konkret aus? Wird sie bewusst betrieben und wenn ja, mit welcher Absicht? Bei der Darstellung von Unwissen sind meist Häme und Bloßstellungen im Spiel.

Nehmen wir nur die gnadenlos überstrapazierte Standardsituation. Reporter, fiebrig und hibbelig in der Fußgängerzone. Endlich kommt eine Gruppe Opfer, eine fünfköpfige Abordnung der Jugend von heute.

Reporter fragt, wie heißt er die Hauptstadt der Türkei? Die Jugend von heute wechselt Blicke der vielsagenden Art. Einer sagt, Antalya. Reporter wendet das Gesicht in die Kamera und macht eine hochwichtige, na was hab ich gesagt Grimasse.

Nur wusste der Mann vom Fernsehen nicht, dass die fünf subversiv angehaucht waren und ihn bewusst verladen hatten. Aber selbst wenn jemand Ankara für das spanische Wort für Anker hält und auch nicht ahnt, dass eine Allegorie nicht ansteckend ist und ein Hexameter nichts mit Okkultismus zu tun hat, derlei Unwissen mag ja peinlich und tragisch sein. Aber weiß unser Entlarvungsreporter, dass im Jahre 1947 die Verstaatlichung der bundesdeutschen Schlüsselindustrien nicht von der SED, sondern von der CDU Konrad Adenauers gefordert wurde, andererseits aber unsere Kanzlerin bis zur Wendezeit FDJ-Funktionärin für Agitation und Propaganda war und dass der Spitzensteuersatz unter dem Einheitskanzler Helmut Kohl vor gerade mal zehn Jahren noch 53% betrug? Ist dieses Wissen unwichtiger als die Kenntnis der Namen aller europäischen Hauptstädte und sämtlicher Nebenflüsse des Rheins? Wer also den Verdacht der Volksverblödung auf die Bildungsfernen und geistig Verwahrlosten beschränkt, betreibt Verblödung in der Verblödungsdiskussion.

Erklärtes Ziel und Voraussetzung demokratischer Gesellschaften ist der mündige Bürger. Dies wäre auch durchaus erreichbar angesichts der Möglichkeiten der Informationsgesellschaft. In Wahrheit allerdings werden einige wenige immer klüger, bedrückend viele aber anscheinend immer dümmer.

Dahinter steckt System. Denn buchstäblich zur Existenzfrage wird die Verblödung in parlamentarischen Demokratien, da hier das Volk seine Vertreter frei wählt und damit die Regierung und die Gesellschaftsordnung formal frei bestimmt. Die Arm-Reich-Schere öffnet sich immer mehr und bloßer Kapitalbesitz bringt mehr ein als ehrliche Arbeit.

Man stelle sich nun einmal vor, die Normalbürger wüssten Bescheid über die Fakten und Hintergründe von Armut und Reichtum, Weltwirtschaftsordnung, Konzernpolitik in der dritten Welt, wirtschaftlichen Verflechtungen und Korruption, ganz zu schweigen von den ökonomischen, politischen und philosophischen Theorien und ihren Folgen. Würden informierte, also wirklich mündige Bürger nicht zu manchen Politiker sofort als ungeeignet enttarnen und ihr eigenes Urteil über die Gesellschaft sprechen? Könnten manche hanebüchenen Projekte überhaupt umgesetzt werden? Deshalb ist Verblödung unausgesprochenes oberstes Staatsziel und dies betrifft beileibe nicht nur die intellektuell-kulturelle Kelleretage. Wer kennt zum Beispiel die Unterschiede zwischen Ordo und Neoliberalismus, zwischen Keynesianismus, Monetarismus oder Marxismus? Stattdessen wird plattester Marktradikalismus, allen bisherigen praktischen Erfahrungen zum Trotz, als Heilsbringerreligion etabliert.

Der Markt wird zum neuen Gott, zur unbegreiflichen höheren Macht. Selbst der Neoliberalismus-Miterfinder Friedrich August von Hayek sagt unumwunden, sein System funktioniere nur, wenn die Menschen blind an die Marktgesetze glaubten und keine dummen Fragen stellten. Damit diese Unwissenheit möglichst ewig fortbesteht, wird sie auf allen Ebenen bewusst angestrebt und gefördert.
 

 

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